„Denken über das Gesamtsystem nach!“

„Denken über das Gesamtsystem nach!“

Ein Gespräch mit Andreas Krinninger über Diesel, Lithium-Ionen und Kundenbedürfnisse

» Wir werden bis Ende nächsten Jahres eine Lithium-Ionen-Lösung im Acht-Tonnen-Bereich anbieten.

Andreas Krinninger, Vorsitzender der Geschäftsführung, Linde Material Handling

Jan Kaulfuhs-Berger: Herr Krinninger, Linde Material Handling – einer der ganz großer Player in einem Markt, der kontinuierlich wächst. Wo steht Linde heute?

Andreas Krinninger: Als Marke hat sich Linde in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt. Und was den Markt betrifft: Linde wächst weiter, und das stärker als der Markt.

Das gilt für Deutschland, das gilt für Europa …?

… das gilt praktisch für alle Länder.

Und für alle Segmente?

Und für alle Segmente.

Dann nehmen wir an, dass dies auch für den Bereich der verbrennungsmotorisch angetriebenen Stapler gilt. Dennoch hören wir immer wieder, der Dieselstapler ist auf einem absteigenden Ast.

Im Moment kann man das so nicht sagen. Wir erleben in diesem Jahr ein erstaunliches Comeback – auch im immer noch vom Verbrenner dominierten chinesischen Markt. Bezogen auf die letzten sechs, sieben Jahre haben wir aber in China eine ähnliche Entwicklung zu verzeichnen wie in den vergangenen 20 Jahren in Europa. Das heißt, der Trend geht eindeutig in Richtung Elektromobilität.

Sie gehen aber dennoch davon aus, dass der Diesel langfristig Bestand haben wird?

Sicher! Und nicht nur in Asien. Auch in Europa wird es immer bestimmte Anwendungen geben, bei denen der Verbrenner zum Einsatz kommen wird. Dennoch, und das darf man nicht verkennen, der Anteil der Elektro-Fahrzeuge steigt weiter …

… und damit mittelfristig auch die Tragfähigkeitsklassen?

Ja, natürlich. Die Leistungsfähigkeit der Elektrostapler nimmt zu. Daher gehen wir davon aus, dass elektromotorisch angetriebene Fahrzeuge den Dieselstapler auch in höheren Tragfähigkeitsklassen überholen werden. Zudem werden verbrennungsmotorische Fahrzeuge durch immer strengere Abgasvorschriften auch immer teurer. Es kann also auch ökonomisch sinnvoll sein, auf Elektrostapler umzusteigen.

Bei welchen Tragfähigkeitsklassen sehen Sie denn heute die Grenzen für die Elektrostapler?

Im Moment sind die Elektrostapler vor allem bis zu einer Tragfähigkeit von fünf Tonnen ökonomisch interessant. Aber mit steigender Leistungsfähigkeit werden auch höhere Tragfähigkeitsklassen lohnenswert. Stichwort: Lithium-Ionen-Technologie.

Wir haben richtig verstanden: Die höheren Tragfähigkeitsklassen werden zukünftig eher mit Lithium-Ionen-Akkus effizient zu bestücken sein?

Korrekt. Im Vergleich zur Blei-Säure-Batterie besitzen Lithium-Ionen-Akkus über die gesamte Nutzungsdauer gesehen eine ganz andere Leistungsfähigkeit. Deren deutlich höhere Performance führt dazu, dass sie vergleichbar werden mit der Leistungsfähigkeit der verbrennungsmotorischen Stapler.

Das klingt nach Zukunftsmusik. Wann ist es denn soweit?

Linde hat einen Großteil seiner Flotte bereits auf Lithium-Ionen-Technologie umgestellt. Schritt für Schritt werden wir damit im Bereich der Tragfähigkeit noch weiter nach oben gehen. Bis Ende dieses Jahres wird es in den Tragfähigkeitsklassen bis fünf Tonnen Modelle geben. Im Acht-Tonnen-Bereich werden wir bis Ende nächsten Jahres eine Lösung anbieten.

Wenn wir nun schon beim Thema Lithium-Ionen sind, dann kommen wir um den Punkt Sicherheit nicht herum.

Ein ganz wichtiges Thema! Bei allen Vorteilen, die die Lithium-Ionen-Technologie mit sich bringt, darf man diesen Aspekt nicht unterschlagen. Deshalb tauscht Linde bei seinen Lithium-Ionen-Geräten nicht einfach die Batterie aus, sondern hat gemeinsam mit renommierten Partnern für jedes Modell eine eigene Komplettlösung entwickelt. Batterie – bestehend aus Zelle, Trog und vor allem dem Batteriemanagement-System (BMS) – und Fahrzeug sind perfekt aufeinander abgestimmt und haben vor der Markteinführung umfangreiche Tests und Prüfungen durchlaufen. Das schafft höchste Energieeffizienz, Zuverlässigkeit und Sicherheit. Und diese Leistungsfähigkeit zeichnet unsere Lösung gegenüber anderen Anbietern aus.

Etwas schwer tut sich in Sachen Elektromobilität allerdings die Automobilindustrie – da ist man bei den Flurförderzeugen offenbar viel weiter. Versteht sich die Branche hier als Vorreiter?

Auf alle Fälle haben wir die längere Erfahrung, weil wir hier schon seit vier Jahrzehnten unterwegs sind. Man muss aber auch sehen, dass die Automobilindustrie ein ganz anderes Umfeld hat. Die Versorgungsinfrastruktur ist in der Intralogistik eine völlig andere als im Straßenverkehr. Hier ist, und das sieht man ja heute auf den Straßen, die Hybridtechnologie auf dem Vormarsch – weil sie im Bedarfsfall längere Reichweiten sichert.

Stichwort Hybrid. Diese Technologie wird ja von Ihren Kollegen in Hamburg ebenfalls gepuscht. Wie ist das bei Linde?

Jeder hat einen gewissen Fokus. Damit entsteht dann eine entsprechende Differenzierung – auch innerhalb der Kion-Gruppe.

Verlassen wir die Lithium-Ionen-Technologie, aber bleiben wir noch ein wenig bei den Alternativen Energiespeichern. Wir verbinden Linde auch mit der Brennstoffzelle. Wie ist hier der Stand der Diskussion?

Die Brennstoffzelle ist nach wie vor aktuell. Man muss dabei aber immer auf den konkreten Fall schauen. Wenn ein Betreiber möglicherweise bereits die Infrastruktur vor Ort hat, beispielsweise Wasserstoff als Abfallprodukt oder eine Energiespeichermöglichkeit benötigt, ist das durchaus sinnvoll – sowohl ökonomisch wie ökologisch.

Themenwechsel: Systemlösungen. Hier geht Linde neue Wege?

Kundenspezifische Lösungen und auch Systemlösungen gehören schon sehr lange zu unserem Geschäft. Und deren Anteil steigt stetig. Unser Ansatz ist immer, zunächst die Bedürfnisse der Kunden genau zu verstehen und hieraus eine Lösung zu entwickeln. Unsere Mitarbeiter verstehen, was die Herausforderungen sind und wie diese im Interesse des Kunden zu lösen sind. Gemeinsam mit dem Kunden betrachten wir den gesamten intralogistischen Prozess – vom Wareneingang bis zum Warenausgang. Mehr und mehr Kunden möchten nicht nur ein Fahrzeug kaufen, sondern sie möchten Lösungen für die gesamte intralogistische Wertschöpfungskette. Das heißt, wir denken über das Layout nach, optimieren den Materialfluss, sprechen mit dem Kunden über das für seinen Fall richtige Equipment inklusive IT-Steuerung, fragen uns, welches Lagersystem das Beste, ist usw. – kurz: Wir denken über das Gesamtsystem nach.

Wofür es einer entsprechenden Kompetenz bedarf.

Richtig. Hierfür bedarf es Kompetenz, aber auch Vertrauen, eigene Technologien und starke Kooperationspartner. Die Akquisition von Dematic ist ein gutes Beispiel. Oft sind genau die Automatisierungslösungen von Dematic gefragt – und dies können wir den Kunden nun kompetent und aus einer Hand anbieten.

Stichwort Automatisierung. Ein wachsendes Geschäftsfeld?

Auf alle Fälle. Wir merken, dass die Nachfrage weiter rasant zunimmt. Linde ist dabei, seine Organisation entsprechend aufzustocken und umfangreich zu qualifizieren. Man verkauft ja nicht das automatisierte Fahrzeug an sich, sondern eine automatisierte Prozesslösung. Und spätestens hier wird es komplex. Das heißt, wir müssen auch hier in der Lage sein, jedem Kunden die für seine Bedürfnisse passende Lösung anzubieten.

Sie sprachen eben von stark wachsender Nachfrage. Was heißt das genau?

Die Anfragen sind im Vergleich zum Vorjahr erneut deutlich gestiegen. Und wir gehen davon aus, dass in fünf Jahren etwa 20 Prozent der Fahrzeuge automatisiert sein werden.

Schauen wir doch noch ein wenig weiter in die Zukunft. Wann wird Kion die Nummer 1 der Weltrangliste?

Viel entscheidender als Platz 1 in der Weltrangliste ist Platz 1 bei der Kundenzufriedenheit. Und da ist Linde auf Basis unserer regelmäßigen Kundengespräche sehr gut positioniert.

Herr Krinninger, vielen Dank für das Gespräch!

Hebezeuge Fördermittel 10/2017 PDF-Download (1.49 MB) Autor: J. Kaulfuhs-Berger