„Nur die Effizienten werden überleben!“

„Nur die Effizienten werden überleben!“

Ein Gespräch mit Dr. Lars Brzoska über Marke, Elektromobilität und Zukunftstechnologien

Jan Kaulfuhs-Berger: Herr Dr. Brzoska, der Markt wächst. Wenn man auf die Zahlen blickt, sieht man: Jungheinrich wächst auch.

Dr. Lars Brzoska: Jungheinrich wächst sogar noch schneller als der Markt.

Sie sprechen jetzt vorrangig vom Systemgeschäft?

Jungheinrich entwickelt sich, obgleich schon seit Jahren auf einem hohen Niveau, stetig weiter. Das betrifft natürlich das Systemgeschäft, aber genauso die Flurförderzeuge, den Service, die Vermietung und unser Gebrauchtgerätegeschäft. Hier sind wir führend und verzeichnen ebenfalls hohe Wachstumsraten.

Daran sind wir, mit Verlaub, fast schon gewöhnt ...

(lacht)

... dennoch, Herr Dr. Brzoska, hat uns Jungheinrich in den vergangenen Monaten gelegentlich ein wenig verwundert.

Damit meinen Sie?

Die gefühlte Abkehr von der langjährigen – und nicht nur aus unserer Sicht – sehr erfolgreichen Ein-Marken-Konzernstrategie.

Jungheinrich betreibt nach wie vor sehr erfolgreich seine Ein-Marken-Konzernstrategie. Dabei bleibt es auch.

Die Marke „Ameise“, bis dato nur im Jungheinrich-Profishop auf manchem Zubehör zu finden, hält aber offensichtlich mehr und mehr Einzug in die Jungheinrich-Flurförderzeug-Welt. Also doch eine Abkehr?

Langsam, das müssen wir sortieren.

Sortieren Sie bitte.

Wir haben hier eine klare Aufteilung. Unsere Konzernmarke heißt Jungheinrich. Unter dem Dach der Jungheinrich AG gibt es eine Reihe von Tochterunternehmen und Produktfamilienmarken. Diese richten sich jeweils an spezifische Zielgruppen, Anwendungen und Branchen, sind in der Markenarchitektur aber immer unter der Konzernmarke Jungheinrich verortet.

Sie meinen damit die angesprochene „Ameise“?

Auch, aber nicht nur. Der Produktname „Ameise“, um aber bei dem Beispiel zu bleiben, wurde gewählt, weil dieser erstens historisch zu Jungheinrich gehört und zweitens heute und in Zukunft ein spezielles Kundensegment bedient.

Das bedeutet?

Die Fahrzeuge werden nicht von uns produziert, sondern sind OEM-Produkte, entsprechen aber vollständig den Jungheinrich-Qualitätsansprüchen. Bei der Ameisen-Serie handelt es sich also um eine Produktmarke im preiswerten Einstiegssegment, die aber über einen – im Vergleich zu anderen Produkten dieser Preisklasse – deutlichen Mehrwert verfügt: Die „Ameise“ ist von Jungheinrich auf Herz und Nieren getestet, an unsere Qualitätsanforderungen angepasst, zertifiziert und in das umfangreiche Jungheinrich-Service- und Ersatzteil-Netzwerk eingebunden. Das betrifft auch die Ersatzteilverfügbarkeit und den kompletten Abwicklungsprozess und die Kundenbetreuung.

Hinzu kommt die „M-Serie“ ...

... die wir ins Leben gerufen haben, da es ein nicht zu unterschätzendes Kundensegment gibt, das zuverlässige und langlebige Produkte benötigt – allerdings nicht im High-End-Bereich.

Sie sprechen hier den Kleinunternehmer an?

Sicher, das ist eine der wichtigen Kundenzielgruppen. Aber es kommt nicht nur auf die Größe des Unternehmens an, sondern auch auf die Anforderungen des Einsatzes. Der klassische Handwerksbetrieb benötigt zuverlässige und langlebige Fahrzeuge, die jedoch nicht immer rund um die Uhr, sondern gegebenenfalls nur sporadisch im Einsatz sind. Aber, und das sage ich noch einmal in aller Deutlichkeit, immer mit dem Qualitäts- und Leistungsversprechen von Jungheinrich.

Zu diesem Zweck hat Jungheinrich vor einigen Jahren in Qingpu im Großraum Shanghai ein neues Werk errichtet.

Das wurde 2013 nötig, nachdem das alte Werk schier aus allen Nähten platzte. Die hochmodernen Produktionsstätten in Qingpu dienen natürlich in erster Linie dazu, Jungheinrich-Fahrzeuge für den asiatischen und pazifischen Markt zu entwickeln und zu produzieren. Das Werk wurde seinerzeit aber auf Zuwachs konzipiert, was uns heute natürlich in die Karten spielt. Dort produzieren wir jetzt auch Fahrzeuge der M-Serie, die weltweit in dem angesprochenen Kundensegment vertrieben werden. Im sehr wichtigen chinesischen Markt beispielsweise, gemeinsam mit unserem Partner Heli.

Themenwechsel, aber bleiben wir zunächst in Asien. Hier ist der Anteil an Dieselstaplern vergleichsweise besonders hoch.

Das ist richtig, aber die Rolle des Verbrenners wird in Zukunft immer weiter zurück gehen. Nicht nur in Europa hat sich der Verbrennermarkt schon deutlich reduziert. Das Gleiche sehen wir auch bei vielen Großkunden in nichteuropäischen Märkten. Um es klar zu sagen: Auf dem Weltmarkt ist ein eindeutiger Trend vom Verbrenner hin zum Elektroantrieb zu beobachten. Die Zukunft fährt elektrisch.

Was uns nahtlos zum Bereich Elektromobilität bringt. Mit Blick auf die Automobilindustrie: Ist, Herr Dr. Brzoska, die Flurförderzeug-Branche hier Vorreiter?

Ein ganz klares Ja! Elektromobilität wird von Jungheinrich seit über 60 Jahren gelebt und praktiziert. Sicher herrschen in der Intralogistik andere Voraussetzungen. Die nötige Infrastruktur gestalten die Kunden in gewisser Weise ja mit. So gesehen sind wir jetzt schon dort, wo die Automobilindustrie erst noch hin will.

Wir haben das Gefühl, dass zurzeit in der Branche nur noch von Lithium-Ionen-Technologie gesprochen wird.

Nicht nur gesprochen, sondern auch gehandelt. Ich selbst habe auf der Cemat 2016 einen klaren Wendepunkt gespürt: Weg von einer reinen Technologie-Diskussion hin zu konkreten Projektgesprächen, inklusive TCO-Berechnung. Wir haben einen Punkt erreicht, bei dem Lithium-Ionen-Technologie mehr ist als eine reine Zukunftsvision.

Sie sprechen also von einem Durchbruch?

Schauen Sie sich die Entwicklung genau an. Jungheinrich hat 2011 als erster Hersteller ein Serienfahrzeug mit Lithium-Ionen-Batterie auf den Markt gebracht. 2015 haben wir etwa 500 Fahrzeuge mit der Technologie verkauft. 2016 waren es über 1.500. In diesem Jahr bewegen wir uns auf 5.000 Fahrzeuge zu. Mit ein wenig Anstrengung werden es auch noch ein paar mehr (lächelt).

Das heißt auch, Jungheinrich ist mittlerweile in der Lage, nahezu seine gesamte Fahrzeugpalette mit Lithium-Ionen-Technologie auszustatten?

Ja, schon heute bieten wir über 90 Prozent aller Fahrzeuge mit Lithium-Ionen an. Der aktuelle Großauftrag eines international agierenden und sehr bedeutenden Kunden von über 1.000 Lithium-Ionen-Fahrzeugen (Hebezeuge Fördermittel berichtete in der Ausgabe 7-8/2017) unterstreicht das übrigens eindrucksvoll. Bei über 700 der bestellten Fahrzeuge handelt es sich zudem um große Systemfahrzeuge vom Typ EKS. Das zeigt auf der Kundenseite auch, dass hier jemand nicht nur auf Technologie setzt, sondern auch auf Jungheinrich. Für uns ein toller Nachweis, dass wir in diesem Bereich ganz vorn sind.

Dennoch sollte man, bei aller Euphorie über die Lithium-Ionen-Technologie, auch einen Blick auf die „normalen“ Elektrostapler werfen. Sie sagten vorhin, der Diesel sei auf einem absteigenden Ast. Das bedeutet dann wohl auch, dass sich die Tragfähigkeitsklassen bei den Elektrofahrzeugen zwangsläufig erhöhen werden?

Richtig. Aber auch das hat mit der Lithium-Ionen-Technologie zu tun. Jungheinrich wird in nicht allzu ferner Zukunft im Elektrobereich hinsichtlich der Tragfähigkeit in andere Dimensionen vordringen. Sicherlich nur bis zu einer Grenze, aber doch signifikant.

Wie fern ist denn diese Zukunft?

Auf unserer Fachpressekonferenz Anfang kommenden Jahres in Hamburg werden wir Ihnen und damit auch Ihren Lesern etwas Spannendes präsentieren können.

Wenn wir bereits über die Zukunft sprechen: Wo sehen Sie, ganz allgemein, die Trends in der Branche?

Nehmen wir zum Beispiel das Thema Flexibilität. Starre Systeme, die nicht veränderbar, erweiterbar oder modulartig aufgebaut sind, wo keine oder keine offenen Schnittstellen existieren, haben keine Chance mehr. Selbstlernende Infrastruktur in den Lagern und Logistikzentren steht ganz oben auf der Trendliste. Dazu kommen Themen wie die Digitalisierung, Mensch-Maschine-Interaktion, Robotik und so weiter. Bis hin zu der Frage: Wie ersetzen wir – in manchen intralogistischen Prozessen – die menschliche Hand?

Vom Ersetzen der menschlichen Hand ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, bis man den Menschen selbst ersetzt, oder?

Ganz wichtige Frage – auch gesellschaftspolitisch! Aber wie ist die Lage im Lager denn zurzeit? Der Fachkräftemangel schlägt in der Logistik-Branche doch voll durch. Es fehlen zunehmend Mitarbeiter – auch für die einfacheren Tätigkeiten im Lager. Besserung ist da nicht in Sicht. Hier brauchen wir Lösungen, die den Herausforderungen unserer Kunden gerecht werden. Hinzu kommen natürlich die Kosten. Nur die Effizienten werden überleben! Das ist in Hochlohnländern schon lange ein Thema, aber mittlerweile nicht mehr nur dort.

Und es werden sich andere Tätigkeitsfelder entwickeln?

Ja, jemand muss die Automatik herstellen, die Anlagen bedienen und den Service sicherstellen. Durch neue Technologien entstehen neue Arbeitsbereiche, die Arbeitsplätze und die Anforderungen verändern sich. Es wird zukünftig einen noch höheren Bedarf auch an Ingenieuren und vor allem an qualifizierten Facharbeitern geben.

Das heißt, die Unternehmen müssen zielgerichteter ausbilden?

Ja, aber das ist auch ein ganz klarer Appell an die Politik. Diese muss durch entsprechende Weichenstellungen die Bildungspolitik an die Zukunftstrends anpassen. Denn es müssen im Zuge des rasanten technologischen Fortschritts nicht notwendigerweise Arbeitsplätze wegfallen. Dazu ist der Produktionsstandort Deutschland auch viel zu effizient ...

... aber?

Aber wir bekommen Probleme, wenn wir, und damit meine ich die Gesellschaft, die Politik und die Unternehmen gleichermaßen, die Veränderungen nicht erkennen und aktiv mitgestalten.

Herr Dr. Brzoska, vielen Dank für das Gespräch!

 

Hebezeuge Fördermittel 09/2017 PDF-Download (1.42 MB) Autor: J. Kaulfuhs-Berger